Lieber in den Ruhestand
Bereits im April 1933 gab es eine Beschwerde aus nationalsozialistischen Kreisen gegen Lina Hilger, die Direktorin des Städtischen Lyzeums. Schon am Tag nach den ersten Übergriffen gegen Bad Kreuznacher Jüd:innen am 1.April sagte sie, sie schäme sich nun, eine Deutsche zu sein. Ende April wurde sie von ihrem Schulleitungsamt beurlaubt. Dennoch äußerte sie in einem Schreiben vom 6. Mai 1933, keine Bedenken in Bezug auf die nationale Gesinnung ihres Lehrkörpers zu haben. Sie versuchte, um ihre pädagogische Arbeit fortsetzen zu können, die Gratwanderung zwischen Anpassung und Abgrenzung. Am 19. Mai war für sie die Zeit des Taktierens vorüber. Noch am Tag der Bücherverbrennung auf dem Hof ihrer Schule, an der sie wohl nicht teilnahm, stellte sie ihren Antrag auf vorzeitige Pensionierung. Sie begründete dies mit der Annahme, dass ihre „seit 30 Jahren gewohnten Erziehungsmethoden mit den Erziehungsmethoden der nationalen Revolution […]“ unvereinbar seien. Durch einen wohlgesonnenen Beamten hatte sie das zweifelhafte Glück, dass das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ auf sie keine Anwendung fand.
