Das Bibliotheksbuch von Plötzensee
Das Männergefängnis Berlin-Plötzensee wurde in der NS-Zeit als Hinrichtungsort genutzt; etwa 3000 Menschen wurden dort ermordet. Über die Zu- und Abgänge im Haus 3, dem Trakt, in dem die zum Tode Verurteilten kurz vor ihrer Ermordung untergebracht waren, führte das Wachpersonal Buch. Von den Gefangenen wurde der Trakt deswegen als Totenhaus bezeichnet. Zufällig fand der Bibliothekskalfaktor Victor von Gostomski - verhaftet, weil er unter einem Pseudonym für die Auslandspresse geschrieben hatte - eines Tages beim Aufräumen in den Büros des Wachpersonals dieses Buch mit vielen tausend Namen und steckte es ein. Unter den aufgelisteten Toten stand auch der Name von von Gostomskis Bruder Peter. Später versteckte er es in der Häftlingsbibliothek; 1944/45 vergrub er es mit anderen Dokumenten, darunter zahlreichen Abschiedsbriefen von Ermordeten und Gostomskis Tagebuch, im Gefängnisgarten des katholischen Gefängnispfarrers Peter Buchholz. Nach Kriegsende wurden sie von Buchholz ausgegraben. Bereits im Juli 1946 veröffentlichte von Gostomski, basierend auf seinem Tagebuch, seine Erlebnisse in Plötzensee in der Artikelserie „Tagebuchblätter aus einem Totenhaus“. Sie erschienen in der Zeitung „Der neue Tag“, die er selbst mitgegründet hatte.
»In der Bibliothek hatte ich Anfang September ein Buch versteckt, eine dicke Kladde. Sie enthielt viele Namen. Hunderte, vielleicht tausend oder zweitausend. Ich hatte wieder aufräumen müssen. Diesmal im Wachtmeisterzimmer. Dort lag alles durcheinander. Das Buch war aufgeschlagen. Ich sah die Namen. Das Totenbuch von Plötzensee? Wie auf einen inneren Befehl hin steckte ich es unter die Drillichjacke. Keiner merkte etwas.«
