Restitution
Vermutlich der größte Restitutionsvorgang fand mit der Einrichtung des Offenbach Archival Depot (OAD) seinen Höhepunkt. Das OAD wurde nach dem Krieg als direkte Reaktion auf den Raub jüdischen Kulturguts gegründet, den das nationalsozialistische Amt Rosenberg in ganz Europa betrieben hatte. Begonnen hatte die Geschichte bereits während des Krieges mit einer alliierten Spezialeinheit, den sogenannten „Monuments Men“, die damit betraut wurden, nach den aus ganz Europa geraubten Kulturschätzen zu suchen und sie zu bergen. Die Bücher, Kunstwerke und Ritualgegenstände, die in über 1700 Verstecken gefunden wurden, wurden über Collecting Points in ganz Europa nach Offenbach gebracht. Über vier Millionen Bücher, Zeitschriften und Manuskripte und Tausende Torarollen, Textil- und Silberwaren fanden im Laufe des Bestehens des OAD dort eine zeitweilige Heimat. Hunderte Mitarbeiter:innen waren dort mit der Sortierung und Katalogisierung der Bücher beschäftigt, mit dem Ziel, sie an die Besitzer:innen zurückzugeben. Die Restitution gestaltete sich gerade in Deutschland und Osteuropa schwierig: Der großen Menge an Büchern aus den vormaligen jüdischen Zentren stand nur eine kleine Gruppe überlebender jüdischer Menschen vor Ort gegenüber. Die beteiligten jüdischen Akteur:innen wollten den stark dezimierten jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht mehr als das Nötigste überlassen oder gar den deutschen Bibliotheken Material übergeben, denn so hätten sich die Täter weiter am Besitz der Opfer bereichert. Trotz dieser Schwierigkeiten konnten viele Bücher ihren ursprünglichen Institutionen zurückgegeben werden. Wo keine direkte Rückgabe möglich war, wurden sie an jüdische Institutionen weltweit verteilt. An letzteren Verteilungsaktionen war maßgeblich die Jewish Cultural Reconstruction beteiligt, eine Organisation, die im April 1947 gegründet wurde, um „herrenlosen“ jüdischen Besitz zu verteilen. Von 1949 bis 1951 war Hannah Arendt die Geschäftsführerin der Organisation. So finden sich heute Bücher in aller Welt, die den Stempel des Offenbacher Depots tragen und eine Geschichte von Zerstörung, Rettung und Überleben erzählen.
