Rettung von Innen
Manchmal lag die Rettung im System selbst. Wissenschaftliche Bibliotheken mussten gemäß einem Runderlass des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung keine Bücher aussondern, sondern durften auch inkriminierte Titel zu Forschungszwecken behalten. Durch diesen Umstand gelangten 278 Bände aus den Hamburger Bücherhallen in die Bibliothek des Literaturwissenschaftlichen Seminars der Universität Hamburg. Der Germanist Paul Böckmann, Privatdozent am Seminar und selbst zu dieser Zeit bekennender Nationalsozialist, bezeichnete diesen Bestand in seinen Tagebüchern als „Sonderbibliothek des Verbotenen“. Paul Böckmann war auch der Ehemann von Lotte Böckmann, einer engen Freundin von Hedda Guradze. Die protestantische Jüdin Hedda Guradze arbeitete als Bibliothekarin in den Hamburger Bücherhallen. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft stand sie ab 1933 in ständiger Gefahr, ihre Stelle zu verlieren. Zu ihren Aufgaben in der Bücherhalle Mönckebergstraße gehörte es nach der Machtübernahme, den Schlagwortkatalog und Abteilungen wie „Literaturgeschichte“, „Kunst“ und „Naturwissenschaftler und Ärzte“ nach der NS-Ideologie zu überarbeiten. Außerdem musste die Abteilung „Rassenkunde, Rassenhygiene“ neu angelegt werden. Gemeinsam mit dem Bibliothekar Friedo Lampe sah sie auch den gesamten Bestand durch, um ihn mit der nationalsozialistischen Ideologie in Einklang zu bringen. Die 278 Bücher wurden bei dieser Arbeit aussortiert. Einige der Bücher überlebten den Krieg auch im Privatbesitz der Familie Böckmann, möglicherweise, weil Hedda Guradze und ihre Freundin gezielt sie gerettet hatten. Genaues ist dazu leider nicht bekannt.
