Rettung von jüdischem Kulturgut
Eine Rettung von jüdischem Kulturgut war spätestens ab 1938 kaum mehr möglich. Dennoch gibt es Fälle, in denen sie gelang. Besonders beeindruckend ist der Fall der sogenannten Papierbrigade in Wilna (heute Vilnius). Mit der Einnahme Litauens durch die Deutschen wurde das „Yidisher Visnshaftlekher Institut“ (YIVO) zum Opfer des Kulturraubs des Amts Rosenberg. Das Archiv und die Bibliothek umfassten Tausende jiddische Dokumente und rund 40.000 Bücher. Der Gründer des Instituts, Max Weinreich, kehrte 1940 von einer Vortragsreise nicht mehr nach Litauen zurück und gründete schon im Oktober desselben Jahres das Institut in New York neu. Während er versuchte die Bestände nach New York zu retten, beschlagnahmten die deutschen Besatzer alle jiddischen Schriften aus dem Wilnaer YIVO, deren sie habhaft werden konnten. Im Frühjahr 1942 traf der für die Beschlagnahmung zuständige Judaist Johannes Pohl in Wilna ein. Er stellte eine Gruppe von jüdischen Intellektuellen aus dem [Handlungsort::Wilnaer Ghetto]] zusammen, deren Aufgabe es war, die YIVO-Bestände systematisch zu sichten, zu sortieren und gegebenenfalls zu verpacken oder zu vernichten. Der sogenannten Papierbrigade gehörten u. a. der Leiter der Wilnaer Ghettobibliothek Herman Kruk und seine Mitarbeiterin Dina Abramowicz, der ehemalige Direktor des YIVO Zelig Kalmanowicz sowie der jüdische Literat Abraham Sutzkever an. Schnell wurde ihnen klar, dass die Deutschen einen großen Teil der Bibliothek als Altpapier vernichten lassen würden, da nur als „wertvoll“ eingestufte Werke nach Deutschland verschickt werden sollten. Unter Einsatz ihres Lebens gelang es der „Papierbrigade“ jedoch, Tausende von Dokumenten und Schriften ins Ghetto zu schmuggeln, um sie dort zu verstecken. Nach der Befreiung Wilnas, im Juni 1944, konnten große Teile dieser Kulturgüter von Überlebenden wieder aufgefunden und gerettet werden. Ein weiterer bedeutender Fall ist die Rettung von über 500 Torarollen durch Jüd:innen auf dem Friedhof in Berlin-Weißensee. Ein Teil dieser Rollen stammte möglicherweise aus der Jüdischen Gemeinde Berlins und dem ihr angegliederten Gesamtarchiv der deutschen Juden. Frühestens im Juni 1943 gelangten die Rollen auf den Friedhof in Weißensee. Beteiligt war unter anderem Günther Rischkowsky, der sich später erinnerte, wie Selmar Neumann, der die Rettungsaktion organisierte, ihn um Hilfe bat: „Wir brauchen Ihre Hilfe. Es ist gefährlich, wenn wir dabei erwischt werden, kann es unseren Kopf kosten.“ Selmar Neumann nahm auch Kontakt zu Arthur Brass auf, der als Dienststellenleiter des jüdischen Friedhofs fungierte, und vereinbarte mit ihm äußerst kurzfristig eine Unterbringung der Torarollen auf dem Friedhofsgelände. Der ebenfalls beteiligte Martin Riesenburger hob in seinen Erinnerungen die Bewahrung der Thorarollen hervor und erwähnte, dass neben den Thorarollen mit dazugehörigem Silber rund 800 wertvolle Bücher darunter gewesen seien. Teile der Rollen wurden bei Luftangriffen auf den Friedhof beschädigt, aber viele überlebten den Krieg.
