Weg eines Buches
Die Rettung eines Buches führte über Umwege zur Rettung von Menschen. Am 10. Mai 1933 wurde der französische Germanist Jean-Philippe Larrose als Gastdozent in Göttingen Augenzeuge der Bücherverbrennung auf dem Albaniplatz. Unter seinen Studenten fiel besonders der Student Helmut Knochen auf, mit dem sich Larrose anfreundete. Knochen war am Abend des 10. Mai mit seinem SA-Trupp am Albaniplatz für die Überwachung des Brandes verantwortlich; dort kam es zur Begegnung der beiden. Larrose bat seinen Schüler um die Erlaubnis, ein Buch vom Scheiterhaufen an sich zu nehmen. Zusammen suchten sie in der Asche und er fand ein Buch, das nur wenig angebrannt war. Es handelte sich um ein Exemplar von Stefan Zweigs „Amok“. Das Exemplar kam aus den Beständen des Göttinger Eisenbahnvereins, dessen Vereinsbücherei zum größten Teil bei der Bücherverbrennung vernichtet wurde. Wenige Tage nach diesen Ereignissen erhielt Larrose eine Warnung, dass die deutsche Polizei ihn verhaften wolle. Er reiste am 12. Juni zurück nach Paris. Sein zurückgelassener Besitz, darunter auch das angebrannte Buch, wurde ihm nachgeschickt. Sieben Jahre später, 1940, trafen sich Larrose und Helmut Knochen wieder. Knochen war mittlerweile Befehlshaber der Sicherheitspolizei im besetzten Frankreich. In Bordeaux wurden fünf Student:innen verhaftet, weil sie antideutsche Parolen an Wände in der Stadt geschrieben hatten. Sie wurden zum Tode verurteilt, und Larrose wollte sich für seine Schüler:innen einsetzen. Er besuchte den Bürgermeister der Stadt, in dessen Büro eine aufgeschlagene Zeitung lag. Auf einem Foto erkannte er Helmut Knochen. Daraufhin beschloss er, nach Paris zu fahren und sich bei seinem alten Freund für die Student:innen einzusetzen. Knochen empfing ihn herzlich und versprach, die Verurteilten nicht hinzurichten. Sie wurden nach Deutschland deportiert. Drei von ihnen überlebten den Krieg. Larrose und Knochen nahmen ihren freundschaftlichen Kontakt wieder auf, und er stand bis zum Kriegsende unter dem Schutz Knochens. Larrose setzte sich noch öfter bei ihm für den Schutz seiner Landsleute ein. Das angebrannte Buch verwahrte Larrose in seiner Bibliothek und übergab es 1997 an Serge Klarsfeld, zusammen mit seinen Erinnerungen an die Göttinger Bücherverbrennung. Klarsfeld gab das Buch 2001 an das Musee de la Resistance in Besancon, wo es heute Teil der Dauerausstellung ist.
